Wie kommt Kaffee aus Kolumbien zu uns? Podcast #18 mit Andreas von Col Spirit
Podcast #18 mitten in der Plantage in Kolumbien: Andreas von Col Spirit über die FNC, Container für 300.000 Dollar, Direct Trade, was Specialty Coffee für Farmer verändert – und Co-Fermente.

Zum Abschluss unserer Kolumbien-Reise im Oktober haben wir noch einmal das Mikro ausgepackt. Diesmal nicht auf einer Terrasse, sondern mitten in der Plantage: zwischen Pink Bourbon, reifem Kakao und ziemlich vielen Moskitos. Unser Gast in Cycle Roasters Podcast #18 ist Andreas von Col Spirit, unserem Importpartner für kolumbianische Kaffees. Col Spirit hat den ganzen Origin Trip für uns organisiert – für Sergey war es übrigens der allererste.
Die Frage, um die sich alles dreht: Wie kommt eigentlich Kaffee von einer Farm in Kolumbien zu uns nach Lübeck? Und was hat Specialty Coffee damit zu tun, ob eine Farm überlebt? Hier haben wir euch die spannendsten Punkte aus der Folge zusammengefasst.
Col Spirit im Überblick
- Wer: Andreas und seine Frau Maria – Farmer, Exporteur und Importeur in einem
- Wo: Quindío, Kolumbien, im Eje Cafetero. Aufgenommen haben wir auf ihrer Finca Belén bei Montenegro, wo Pink Bourbon und Kakao wachsen.
- Seit wann: Der erste Container ging 2016 auf die Reise – inzwischen feiert Col Spirit zehn Jahre Export.
- Was: Kaffeeexport, ein eigenes Logistik-Programm für kleine Röstereien und Farmer, dazu Kakao, Marmeladen und mehr
Wie Andreas zum Kaffee kam
Geplant war das alles nicht. Andreas und Maria haben zusammen studiert, als Marias Großvater starb. Er vererbte die Familienfarm an Marias Vater und Onkel – und die stellten schnell fest: Die Farm macht schon lange keinen Gewinn mehr. Entweder man macht etwas daraus, oder man verkauft.
So eine Geschichte hören wir in Kolumbien ständig. Auch Sara von El Silencio hat uns in Folge #17 etwas ganz Ähnliches erzählt. Die Familien sind groß, das Land wird über Generationen immer weiter aufgeteilt, und das Geld steckt in der Farm fest, ob die nun profitabel ist oder nicht.
Bei Maria sind die letzten 14 Hektar der Familie übrig geblieben, die seit über 100 Jahren Kaffee anbaut. Maria ist die fünfte Generation. 2016 schickten die beiden ihren ersten Container mit rund zwölf Tonnen nach Europa – ohne dass auch nur ein Sack vorverkauft war. Kurz danach klopften Freunde von Maria an, die auch Farmen hatten. Und so ist Col Spirit gewachsen.
Wie die FNC funktioniert
Grundsätzlich gibt es in Kolumbien zwei Wege, Kaffee zu verkaufen: an einen Exporteur wie Col Spirit, der die Kund:innen dafür findet, oder an die Kooperative und damit letztlich an die FNC, die kolumbianische Kaffee-Föderation.
Die FNC wird nächstes Jahr 100 Jahre alt. Gegründet wurde sie, um kolumbianischen Kaffee weltweit als Qualitätsprodukt bekannt zu machen – und das hat funktioniert. Robusta ist in Kolumbien verboten, angebaut wird ausschließlich Arabica. Agronom:innen der FNC beraten die Farmer:innen vor Ort.
Andreas sieht das System aber auch kritisch. Empfohlen wird oft ein Baum pro Quadratmeter, also rund 10.000 Bäume pro Hektar – eine dichte Monokultur ohne Schattenbäume, die nach ein paar Jahren viel Dünger und Pflanzenschutz braucht. Und genau die verkauft die FNC, genauso wie sie den Kaffee kauft. Ein ziemlich geschlossener Kreislauf. Dazu kommen über 600 eigene Cafés im Land, Andreas nennt sie augenzwinkernd den „Starbucks des Südens“.

Ein Container für bis zu 300.000 Dollar
Einer der Momente, über die man nach der Folge noch nachdenkt: Ein Container Specialty Coffee kostet heute schnell 180.000 bis 200.000 Dollar – mit richtig besonderen Kaffees an Bord auch mal bis zu 300.000 Dollar. Andreas bringt es auf den Punkt: Geh damit mal als Studi zur Sparkasse und frag nach einem Kredit.

Für die Bank ist das Commodity, für uns ist es Specialty. Und genau dieses Risiko muss irgendjemand tragen: Farmer, Exporteur, Importeur oder Röster. Andreas’ Fazit: „Risiko wird im Leben immer bezahlt.“ Wenn ihr euch also mal fragt, warum Specialty Coffee mehr kostet – auch das steckt im Preis.
Logistics as a Service: Kaffee auch in kleinen Mengen
2019 hatte Col Spirit ein Problem, das viele andere auch hatten: Immer mehr Leute kamen aus Kolumbien zurück, hatten Kontakt zu einer Farm und wollten deren Kaffee nach Europa holen. Aber wie bekommt man kleine Mengen zu einem fairen Preis über den Atlantik?
Daraus entstand Logistics as a Service, das Fulfillment-Programm von Col Spirit. Damit transportieren sie inzwischen jeden Monat Kaffee nach Deutschland – von ein paar Kilo für Competition-Kaffees bis zur ganzen Palette. Das Besondere: Röster:innen und Farmer:innen verhandeln ihren Preis direkt miteinander. Col Spirit kümmert sich um den Rest. Auf Wunsch cuppen ihre zwei hauseigenen Q-Grader den Kaffee vor dem Export oder halten das Geld als Treuhänder zurück, bis Menge und Qualität bestätigt sind. Denn, wie Andreas sagt: „Trust goes both ways.“

Was ist eigentlich Direct Trade?
Ehrliche Frage von Philip: Ist das, was wir machen, eigentlich Direct Trade? Wir kaufen direkt gehandelten Kaffee über Partner wie Col Spirit und versuchen, die Farmer und Kooperativen, von denen unser Rohkaffee kommt, jedes Jahr zu besuchen. Aber wir verhandeln nicht jeden Sack selbst vor Ort.
Andreas’ Antwort: Der Begriff ist inzwischen ziemlich verwässert. Wenn Röster:innen den Preis direkt mit dem Farmer aushandeln und nur die Logistik über Col Spirit läuft, ist das für ihn Direct Trade im besten Sinne. Liegt der Kaffee dagegen schon im Lager in Europa und wird von dort gekauft, ist es zwar direkt gehandelter Kaffee, aber eben kein Direct Trade. Was wir als Röster am Ende bezahlen, ist vor allem die Zeit und Arbeit, die Partner wie Col Spirit in Sourcing, Qualität und Logistik stecken – inklusive aller Probleme, von denen wir gar nichts mitbekommen.
Commodity vs. Specialty
Commodity Coffee ist, vereinfacht gesagt, der zusammengemischte Kaffee von Tausenden Farmer:innen, verkauft zum Börsenpreis. Es geht um Menge, nicht um Qualität. Farmer:innen haben dabei vor allem einen Anreiz: bei der Abgabe nicht bestraft zu werden. In Kolumbien wird dafür der sogenannte Faktor genutzt: Wie viel Parchment-Kaffee (also Kaffee im letzten Häutchen) braucht man, um einen 70-Kilo-Sack Rohkaffee zu füllen? Liegt der Wert zu hoch, gibt es Abzüge. Ob im Kaffee unreife Bohnen stecken, die später in der Röstung hell bleiben, spielt dagegen kaum eine Rolle.

Bei Specialty Coffee ist das anders. Hier zählt der Geschmack und damit die Arbeit jeder einzelnen Farm. Und mit besserer Qualität kommt mehr Geld bei den Produzent:innen an.
Was Specialty Coffee für Farmer verändert
Das schönste Beispiel dafür haben wir auf dem Trip selbst gesehen: Robinson von der Finca El Girasol. Für ihn und seinen Vater war Col Spirit der erste Specialty-Käufer überhaupt – davor ging der gesamte Kaffee an die Kooperative.
Robinsons Vater ist früher drei, vier Stunden zu einer anderen Farm gelaufen, nur um dort fernzusehen. Heute gehört genau diese Farm der Familie, dazu kamen noch einmal zehn Hektar. Und Robinson hat inzwischen eine eigene Röstkaffeemarke. Genau so eine Entwicklung wünschen wir uns, wenn wir uns für Specialty Coffee entscheiden. Nicht weil wir hier die Retter spielen, sondern weil höhere Qualität ganz konkret mehr Geld auf die Farmen bringt.

Und noch eine Anekdote, die bleibt: Robinsons Vater ist 63, durchtrainiert wie nach zwei Stunden Rennrad am Tag, und läuft dir am Hang einfach davon – ohne eine einzige Schweißperle. Wir sind auf 1.900 Meter hinter ihm hergekeucht.
Die größte Herausforderung: Pflücker:innen
Wo sieht Andreas die größten Probleme der nächsten Jahre? Ganz klar bei den Arbeitskräften. Kaffee wird von Hand gepflückt, und es finden sich immer weniger Leute dafür. Sara hat uns erzählt, dass sie deshalb sogar Land ausgeschlagen hat, das ihr angeboten wurde.

Eine Antwort darauf ist Diversifizierung. Für die Kakaoernte braucht man laut Andreas weniger als ein Fünftel der Leute, die man für Kaffee braucht. Auf der Finca Belén wächst deshalb beides nebeneinander. Daraus entstehen Produkte wie Spezialitätenkakao, den wir auch bei uns im Shop haben, oder tropische Marmeladen aus Lulo und Tamarinde. Die gibt es übrigens nur, weil der Ananaspreis eingebrochen war und Col Spirit aus der Ernte etwas anderes machen musste. Auf einer anderen Farm haben wir sogar Essig aus Kakao-Pulpe probiert. Richtig gut.
Co-Fermente: Fluch oder Zukunft?
Zum Schluss wird’s kontrovers. Auf dem Trip haben wir sehr unterschiedliche Meinungen gehört: Ein Farmer sieht Co-Fermente als die Zukunft, ein anderer macht ausschließlich gewaschene und natürliche Kaffees in verschiedenen Fermentationsstufen.
Andreas ist ehrlich: Am Anfang hat Col Spirit gar keine Co-Fermente mitgebracht, weil sie sich von manchen Produzenten schlicht veräppelt gefühlt haben. Ein Kaffee, der zu 100 % nach Strawberry Cream schmeckt und sonst nach nichts, hat für ihn wenig mit Fermentation zu tun, sondern eher mit zugesetzten Aromen. Erst ein Food Engineer namens Juan David hat ihn umgestimmt. Er arbeitet mit Glukose und Fruchtsäften und einem Verfahren, das er osmotische Dehydration nennt – und eben nicht mit künstlichen Aromen.
Philip hat dazu eine klare Meinung: Wenn auf der Tüte „Cherry“ steht und der Kaffee nach Cherry Cola schmeckt, dann schreibt doch bitte gleich Cherry Cola drauf. Trotzdem sind sich beide einig, dass diese Kaffees gekommen sind, um zu bleiben. Sie sind leicht zu verstehen, der Geschmack springt einen direkt an – und wenn dabei mehr Geld bei den Produzent:innen hängen bleibt, ist das eine gute Sache. Bei uns tauchen solche Kaffees deshalb immer mal wieder in der Competition Line auf.
Eine kleine Weihnachtsüberraschung
Ganz am Ende der Folge verraten wir noch, dass über Col Spirit etwas Besonderes für Weihnachten entsteht – extra für euch gemacht. Mehr sagen wir noch nicht. Am schnellsten erfahrt ihr es über unseren Newsletter und Instagram.
Die ganze Folge anschauen
Die komplette Folge mit Andreas gibt es auf unserem YouTube-Kanal und überall, wo es Podcasts gibt:
🎧 Lieber nur hören? Folge #18 auf Spotify
Lust bekommen, kolumbianischen Kaffee zu probieren? Schaut mal bei der Finca Himalaya oder der Finca Anaya vorbei – oder probiert Cascara, den Tee aus getrockneten Kaffeekirschen.
Danke!
Ein riesiges Dankeschön an Andreas, Maria und das ganze Col-Spirit-Team für die Zeit, den Origin Trip und die unglaubliche Gastfreundschaft. Und an alle Farmer:innen, die uns ihre Türen geöffnet haben. Muchas gracias!




